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In einem alten Schloss in Deutschland - Teil IV
Shenyang    I    Datum: 26.Mai 2009
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Startseite > Feature > Schriftsteller > Baoerji Yuan Ye
Schlagworte: Station Shenyang    Schriftsteller-Austausch    Baoerji Yuanye    Deutsch    Mongolisch    
 
Je mehr Deutsch ich höre, desto ähnlicher scheint es dem Mongolischen

Je mehr Deutsch ich höre, desto ähnlicher scheint es dem Mongolischen. Deutsch ist von der Sprachfamilie der Inka und vom Stamm her germanisch. Englisch und Niederländisch sind dem Deutschen sehr verwandt, vor 2000 Jahren waren sie eins. Etymologen sind der Meinung, dass 60 Prozent des heutigen englischen Vokabulars dem alten Germanisch entstammen, welches die Grundlage im Wortstamm der Agrargesellschaft und Blutsverwandtschaft bildete – etwa die Wörter Vater, Mutter, Erde, Flusslauf, Geschwister, Hacke. Im Englischen wird das Vokabular in Politik und Kunst aus dem Französischen verwendet, das für Krieg und Gewalt aus dem Spanischen. „Verwenden“ bedeutet in diesem Zusammenhang eine feindliche Übernahme. Der Wortschatz ist nicht freiwillig herüber gekommen oder gar dafür bezahlt worden. Von der Phonetik etabliert sich eine Sprache über Wortschatz und Tonfall, wobei der Tonfall der Aussprache vom jeweiligen Ort und der dortigen Mundart abhängt. Woher kommt es also, dass sich Deutsch für mich so mongolisch anhört?

Seit einigen Tagen klingt Deutsch in meinen Ohren, obwohl nicht sonderlich viele Deutsche darum wetteifern, sich mit mir zu unterhalten – ich verstehe auch nicht einen einzigen deutschen Satz. So sitze ich vorm Radio und höre Welle 105.7, einen Stuttgarter Sender für klassische Musik. Der Sender überträgt ausschließlich Musik, zwischendurch aber wird auch deutsch gesprochen. Der Tonart zufolge hört es sich an, als befürchte der Sprecher, nicht schnell genug seinen Satz beenden zu können, bevor das nächste Lied beginnt – und so verpackt die Sprache in schnelle Sätze, damit man die Stücke im Ganzen hören kann.

Hört es sich etwas nicht Mongolisch an, wenn man dem so zuhört? Die Betonung des Sprechers liegt auf dem Ende des Wortes, es ist sehr retroflexiv, A und U sind deutlich herauszuhören – was in meinen Ohren wie unverständliches Mongolisch klingt. Außerdem werden in beiden Sprachen viele Wörter miteinander verbunden, etwa bei den Personennamen Bart (im Chinesischen mit „ba-te“ nachempfunden) oder Bach (dementsprechend „bu-he“). Dann gibt es den Frauennamen mit „Gen“, meine Schwester heißt Frau E-er-„gen“-ta-nuo. Sowohl im Deutschen als auch im Mongolischen wird zur Kennzeichnung von Ortsnamen immer ein „Tu“ angefügt. So wohne ich zum Beispiel gerade in „She-li-tu“ (die chinesische Aussprache für das Schloss Solitude bei Stuttgart, Anm. d. Red.), das „Tu“ am Ende zeigt an, dass sich die alte Burg an einem Ort befindet – wie im Mongolischen.

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