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In einem alten Schloss in Deutschland - Teil IX
Shenyang    I    Datum: 8.Jun. 2009
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Schlagworte: Station Shenyang    Schriftsteller-Austausch    Baoerji Yuanye    Stanislavski    
 
Ist Stanislawski verstorben?

Ich wohne in diesem Schloss, dessen offizieller Name „Internationales Künstlerhaus Schloss Solitude“ lautet. Im Moment leben hier etwa ein Dutzend Künstler, zur Hochsaison im August und September sind es an die 50. Die Künstler, die hier einziehen dürfen wurden anhand ihrer Arbeiten sorgfältig ausgewählt. Ihr Aufenthalt ist unterschiedlich lang, die vom Schloss getragenen Wohn- und Lebenshaltungskosten unterstützen sie bei der Vollendung ihrer Werke.
Diese Form der künstlerischen Förderung erfolgt durch die Stiftung. Deren ästhetisches Konzept ist sehr offen, es gibt keine thematischen und handwerklichen Grenzen. Kunst gehört den Menschen, nicht Regierungen.

Die momentan im Dorf lebenden Künstler kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen wie Tanz, Kulissenbau, Ausdruckskunst und Musik. Sie stammen aus Amerika, Japan, Deutschland, Taiwan, Korea, Polen und anderen Ländern und Regionen.
Ich bewundere ihre Kunstwerke. Eines davon bereitet mir besondere Freude. Bei dem Kunstwerk handelt es sich um zwei einer gegenüber stehende Fernsehapparate (Monitore). Jemand, der wie ich zunächst am ersten Bildschirm vorbei geht und versucht einen Blick auf sich selbst zu erhaschen, sieht lediglich seinen eigenen Rücken. Dreht man sich dann um und blickt in den zweiten Bildschirm, sieht man für ein paar Sekunden das wenige Sekunden vorher aufgezeichnete Bild des eigenen Gesichtsausdruckes, welches nach einigen weiteren Sekunden verschwindet. Ich habe also mein eigenes Ich von vor wenigen Sekunden gesehen.
Das Kunstwerk trägt durch die Aufnahme den Menschen wenige Sekunden zurück in die Vergangenheit und macht so die Vergänglichkeit aller Dinge deutlich, so wie die „Methode der physischen Handlungen“ des Dramatikers Stanislawski (Konstantin Stanislawski 1863-1938 war ein russischer Theaterregisseur und Schauspieler, der mit seinen theoretischen Überlegungen das Method Acting beeinflusste, Anm. d. R.).

               

Das ist eben Theater, du bist Schauspieler, du präsentierst dich. Jeder verärgerte und liebevolle Ausdruck während der Aufnahme verschwindet und lässt dich so wissen, dass es vergangen ist. Alles ist vergänglich.  Menschen steigen zur selben Zeit nicht in denselben Fluss. Ich gehe von hier nach da, wende mich hierhin und dorthin, und kann einen Seufzer nicht unterdrücken, denn leider habe kein bisschen Zeit mehr.

Die Hautaussage des Kunstwerkes ist, dass dein Ich von eben nicht wirklich ist, weil es schon vergangen ist. Das erinnert mich an die Geschichte, von einem Mann, der Buddha ins Gesicht spuckte. Buddha wischte sich sein Gesicht ab und fragte: „Gibt es noch etwas, das du sagen möchtest?“. Das überraschte den Mann. Je mehr er auf seinem Heimweg darüber nachdachte, desto mehr litt er darunter --- Ich spucke in sein Gesicht und er fragt, ob ich noch etwas sagen möchte? Was hat das zu bedeuten? Er hatte schreckliche Angst, und am nächsten Tag ging er, um Buddha um Verzeihung zu bitten.
Buddha sprach: Was soll ich verzeihen? Ich bin schon nicht mehr der, der ich gestern war und du bist nicht mehr der, der du gestern warst, wem soll ich verzeihen?
Der Mann begann zu begreifen: Durch die Veränderung, die ich in meinem Herzen trage, bin ich ein neuer Mensch geworden.

Man kann sagen, den größten Nutzen, den die Zeit für uns mitbringt ist die Möglichkeit, alte Gewohnheiten und Vorstellungen abzulegen. Die Dinge, die geschehen, geben uns diese Möglichkeit. Wie die Sonne immer wieder aufs Neue aufgeht, kannst du Dich entsprechend Deiner Ideale immer wieder aufs Neue erfinden, das ist durchaus möglich. Und die Vergangenheit ist, wie der Monitor es dargestellt hat, bereits nicht mehr vorhanden.

Eine alte Weisheit sagt: „Form ist Leerheit, Leerheit ist Form.“ Das Diamant-Sutra Jingangjing (ca. 1. Jhdt.u.Z.: „Die Vollkommenheit der Weisheit, die [so scharf ist, dass sie] selbst einen Diamanten spalten kann“) sagt: „Alle in der Welt vorhandenen Phänomene sind wie ein Traum, eine Illusion, eine Seifenblase, ein Schatten. Wie der Tau oder ein Blitz, sollte man sie auch als solche betrachten.“ Der Buddhismus rät den Menschen: Alles, was Du siehst, hat Dein Herz erfunden, die Dinge selbst sind keineswegs so. Dein Herz erschafft Bitterkeit und Freude, das Schicksal deiner emotionalen Erfahrungen liegt in deinem Herzen, es ist nicht von anderen Menschen oder Buddha abhängig.
Von diesem Wissen ausgehend ist die Zeit unser Wohltäter, schön, frei und friedlich lässt sie uns unsere Fehler überwinden. Die meisten Menschenleben sind vorgezeichnet statt selbst bestimmt. Uns fehlt das Verständnis für die Gerechtigkeit der Zeit. So lange man Zeit hat ist alles möglich. Allerdings muss mein liebenswertes neues Ich noch einige alte Gewohnheiten ablegen, denn ich weiß, alte Angewohnheiten sind etwas Schlechtes. Erst muss ich die hinter mir liegende Scham ablegen, um dann tapfer und kühn mein verändertes Selbst hervorkommen zu lassen. Nur wenn man alte Gewohnheiten ändert, kann das neue Ich in seiner erhofften Perfektion entstehen. Wenn ich hier von „seiner Perfektion“ spreche, meine ich innere Ruhe, Freiheit, Natürlichkeit, Klarheit, Abenteuerlust frei von Angst.

Das meiste soeben Gesagte haben bereits die Weisen erzählt, ich habe es hier nur kurz wiedergegeben.


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