Kontakt   Impressum   Stellenangebote
     
 
 
"Man spürt eine gewaltige Energie" 
Markus Heinsdorff über die Deutschland-Promenade in Nanjing
Datum: 7.Mai 2009    
I    Favoriten     I     drucken     I     schließen    I    
Startseite > Aktuelles > Medienecho
Schlagworte: Station Nanjing    Bambuspavillons    Markus Heinsdorff    Bambus    
 
Der deutsche Installations- und Objektkünstler Markus Heinsdorff hat die Deutschland-Promenade in Nanjing
entworfen. 

Im Gespräch mit Gottfried Knapp, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, berichtet der Münchener Künstler über das Projekt, seine Vorstellungen und die Herausforderungen einer deutsch-chinesischen Zusammenarbeit.


Im Rahmen des Themenkomplexes „Stadtvisionen“ in Nanjing haben Sie die Deutschland-Promenade gestaltet. Was ist darunter zu verstehen?
Die Deutsch-Chinesische Promenade ist eine große Rauminstallation mit Ausstellungspavillons, die im Herbst zum ersten Mal auf dem zentralen Bibliotheksplatz in der Millionenstadt Nanjing realisiert wird und in den kommenden zweieinhalb Jahren in fünf weiteren chinesischen Städten wiederaufgebaut werden soll. Meine Aufgabe ist es, den Pavillons, in denen sich die führenden Firmen Deutschlands präsentieren werden, eine charakteristische Form zu geben und sie auf der Platzfläche einander sinnvoll zuzuordnen. Neben diesen Einzelpavillons wird es eine größere zentrale Halle geben, in der Ausstellungen zum Thema Nachhaltigkeit in der Architektur, zur Gestaltung des öffentlichen Raums in Deutschland und eben deutsche „Stadtvisionen“ gezeigt werden. Außerdem gibt es einen Biergarten und eine große Veranstaltungsbühne, auf der zum Beispiel Rockkonzerte stattfinden.

Wie hat man sich die Anordnung der Veranstaltungsorte auf dem Daxinggong vorzustellen?
Der Platz wird von einem gewaltigen modernen Bibliotheksgebäude dominiert und ist verhältnismäßig dicht mit Bäumen besetzt. Auf die freie Stelle in der Mitte setze ich die große Ausstellungshalle. Die elf Pavillons, die sich organisch rund entfalten, sind – wie Blätter am Ast eines Baumes – entlang einer Mittelachse aufgereiht und mit einem goldfarbenen Gewebe verkleidet, das an das Gold in der deutschen Flagge erinnern soll und auch auf die Landesfarben Chinas anspielt. Mit den deutschen Farben Schwarz, Rot und Gold arbeite ich auch im Bereich der Schauveranstaltungen, doch dort soll spielerischer Witz walten. Jeden Morgen werden je 330 schwarze, rote und goldene Hocker in drei sauberen Parallelreihen vor der großen Bühne aufgebaut. Im Lauf des Tages werden sich die Besucher auf diese Hocker setzen, die Farbfl ecken werden verrutschen, die strenge Ordnung löst sich also malerisch auf. Eine hoch oben angebrachte Kamera nimmt all diese Bewegungen auf und überträgt sie auf eine große LED-Wand, so dass die Besucher sich selber beim Spiel mit den farbigen Deutschland-Objekten zusehen können.

Aus welchen Materialien bestehen die temporären Bauten?
Das Überthema Nachhaltigkeit soll sich auch in den Materialien spiegeln. In einzelnen Pavillons zeigen deutsche Firmen, wie sie sich mit ökologischen Problemen und der Umwelt auseinandersetzen und mit welchen Methoden sie reagieren. Für sie einen Messebau in High-Tech-Materialien hinzustellen, halte ich für falsch. Aufgrund meiner Erfahrungen mit Bambusbauten in Indonesien und Thailand habe ich mich für das Material Bambus entschieden, dessen größter Produzent China ist, das aber aus der dortigen städtischen Baupraxis praktisch verbannt ist. Ich möchte also zeigen, dass man in Deutschland, wo die Entwicklungen der Moderne schon weitgehend Geschichte sind, sich wieder auf Stoffe zu besinnen beginnt, die jahrzehntelang vergessen waren. Ich bekenne mich also zu einem rasch nachwachsenden, ehemals ortstypischen Material – Bambus ist ja ein Gras, also kein Baum.

Bei der letzten Verleihung des Aga-Khan-Preises wurde ein ganz ähnliches Projekt ausgezeichnet: eine Schule in Bangladesch, die aus den uralten lokalen Materialien Lehm und Bambus errichtet worden ist. Das Erstaunliche daran war, dass diese Schule nicht von einheimischen Handwerkern, sondern von jungen deutschen und österreichischen Architekten entworfen worden ist – eine schöne Bestätigung für den Bambus in Nanjing. Aber wie kann man von Deutschland aus so differenzierte Planungen in Gang setzen und kontrollieren?
Da ich in Asien schon verschiedene Projekte realisiert habe, hatte ich wenigstens eine Ahnung, was mich beim Arbeiten erwarten könnte. Die größte Schwierigkeit war, dass die Genehmigungen für die einzelnen Objekte mit so extremen Verspätungen kamen, dass nur mit Improvisationsgeist darauf reagiert
werden konnte. Doch dann, wenn nach unseren Vorstellungen alles zu spät ist, passieren in China plötzlich Dinge, die wir nur als Wunder bezeichnen können. Und
in einer Geschwindigkeit, der wir kaum folgen können, werden Projekte realisiert, die wir längst abgeschrieben haben. Es ist dort also alles möglich, wenn man die
richtigen Leute findet, doch braucht man als Europäer unendlich viel Geduld, um den so ganz anderen Rhythmus auszuhalten. Ich arbeite mit einem chinesischen
Architekturbüro zusammen, das auch einige deutsche Mitarbeiter hat und die Aufträge vergibt.

Hat dieser Planungsauftrag etwas für Ihre künstlerische Arbeit gebracht?
Für mich als Installationskünstler und Bildhauer ist diese Arbeit, die sich irgendwo zwischen Design und freier Objektkunst bewegt, eine große
Anregung. Auf der Fassade der großen Halle lasse ich mit 300 fotografischen Motiven aus Deutschland, die leicht verwischt sind, als wären sie aus einem fahrenden Zug aufgenommen, eine Deutschlandreise ablaufen.
Ich beziehe mich dabei auch auf zwei meiner früheren Arbeiten für China, etwa auf die Klanginstallationen aus bayerischen Residenzen, die inzwischen in vielen Städten Chinas zu sehen waren. Die organisch gerundeten goldenen Pavillons der Deutsch-Chinesischen Promenade aber empfinde ich als skulpturale Objekte im öffentlichen Raum.

Was sagen Sie zu der Aufbruchstimmung, die in China offenbar herrscht?
Das alles ist unglaublich spannend. Man spürt eine gewaltige Energie, die sich, trotz des rasenden Wachstums und all der Probleme, die damit zusammenhängen, in einem fast rauschhaften Zustand niederschlägt. Als Europäer muss man immer wieder tief durchatmen, um da mithalten zu können.

Das Interview führte Gottfried Knapp, Redakteur der Süddeutschen Zeitung.
© Goethe-Institut

Verwandtes Video:
"Bambus ist ideal um das Thema der Deutschland-Promenade zu transportieren."
         Markus Heinsdorff im Interview

Verwandter Artikel:
Die Deutschland Promenade
 
 
Aktuelles
   
Zur Promenade