In „2008“ (2008) drückt Liu Lining auf symbolische Weise die Schwierigkeiten einer modernen Existenz aus. Das ist ein sehr direktes Lebensgefühl: wir leben in einer Realität, der wir nicht entrinnen können, im Widerspruch zwischen Begierde und Verführung gefangen, und am Ende werden die Menschen zu Gegenständen verfremdet.
Zwischen 2005 und 2007 haben wir mit Deutschland auf dem Gebiet der Kunst zusammengearbeitet und in beiden Ländern drei deutsch-chinesische Kunstkonferenzen veranstaltet. So haben wir unter anderem Ende 2006 in der Zentralen Kunstakademie im kleinen Rahmen die Veranstaltung „Blickrichtung – Ausstellung zum deutsch-chinesischen Kunstaustausch“ durchgeführt. Diese Veranstaltungen haben dazu geführt, dass wir ein Grundverständnis der deutschen zeitgenössischen Kunst gewonnen haben. Noch wichtiger ist dabei jedoch, dass wir durch den Vergleich mit der aktuellen deutschen Kunst ein neues Verständnis der zeitgenössischen chinesischen Kunst gewonnen haben. Die chinesische Kunst und die Tradition haben noch nicht wirklich miteinander gebrochen und selbst die am stärksten kritisierte Kunst der Kulturrevolution erscheint in den verschiedensten Formen immer wieder neu in der zeitgenössischen Kunst.
Die Vielfältigkeit der zeitgenössischen chinesischen Kunst wird nicht von einem einheitlichen Wert bestimmt und das Auftauchen neuer Medien und künstlerischer Techniken bedeutet nicht die Negation der existierenden Werte, sondern fügt inmitten von Diversität neue Inhalte hinzu. Gerade in der sich rasant entwickelnden chinesischen Gesellschaft legt die Tradition den radikalen Kräften Zügel an und zugleich bringen die Reformen eine Erneuerung der Tradition mit sich. Daher liegt der Wert der zeitgenössischen Kunst gerade in ihren Beziehungen zur chinesischen Gesellschaft und die Kunst einer jeden Epoche bildet ein Merkmal der Gesellschaft dieser Epoche. Ja sogar die Kunst unterschiedlicher Regionen, auch wenn sie keinen Avantgardecharakter besitzt oder großstädtische Sujets anspricht, spiegelt in der gleichen Weise von unterschiedlichen Seiten aus gesellschaftliche Veränderungen in China wieder. Sind wir beispielsweise angesichts der Landschaft der Großstadt verwirrt und ratlos, so mögen uns vielleicht die Gassen (Hutong) und ländlichen Regionen eher eine Antwort auf unsere Existenzprobleme geben.
An der Ausstellung „Gemeinsam in Bewegung – Zeitgenössische Kunst aus Deutschland und China“ nehmen mehr als 70 chinesische Künstler teil und die Diversität der Erscheinung ihrer Werke ist nicht nur eine Miniaturausgabe der zeitgenössischen chinesischen Kunst, sondern zugleich auch eine Miniatur der derzeitigen chinesischen Gesellschaft. Diese Mannigfaltigkeit beruht nicht nur auf ihrem Stil und ihren künstlerischen Techniken, sondern zugleich auch darauf, dass es ihnen möglich ist, die Gesellschaft zu durchdringen, das Leben widerzuspiegeln und sich selbst zu erleben. In der gleichen Weise warten auch wir gespannt: wenn wir die deutsche Kunst nicht mehr nur durch Expressionismus und Neoexpressionismus kennen lernen, welche entscheidenden Elemente ihrer Kunst wird uns dann die neue Generation deutscher Künstler liefern?
Der Autor ist Professor an der Zentralen Kunstakademie, Verlagsleiter der Zeitschrift „Kunstforschung“ (Meishu Yanjiu) und Chefredakteur der Zeitschrift „Weltkunst“ (Shijie Meishu)中央美术学院教授、《美术研究》杂志社社长、《世界美术》杂志主编