In den vergangenen 30 Jahren der Öffnungs- und Reformperiode hat sich in China ein weltumwälzender Wandel vollzogen. Die heutige Jugend kann sich kaum noch vorstellen, wie die Kunst vor 30 Jahren aussah. 30 Jahre sind genau drei Jahrzehnte und die zeitgenössische chinesische Kunst hat in jedem Jahrzehnt unterschiedliche Formen des Ausdrucks gefunden, doch gerade bei den letzten 10 Jahren fällt es am schwersten, eine einheitliche Definition für den gesamten Bereich der Kunst zu finden. Die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts bildeten den Beginn der Reformperiode, und die Hauptströmungen der Kunst widmeten sich der Geschichtskritik und der Befreiung des Denkens. Auf der Ebene des künstlerischen Ausdrucks verwoben sich Realismus und Modernismus ineinander.
In den 90er Jahren vollzog sich dann eine gewaltige Wende in der Reform- und Öffnungspolitik, mit dem Umschwenken der chinesischen Gesellschaft von der Planwirtschaft hin zur Marktwirtschaft, der raschen wirtschaftlichen Entwicklung, heftigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, einer urbanisierten Lebensweise, dem Aufschwung der Massenkultur sowie den Impulsen und dem Druck der Globalisierung. Dies alles fand auf der Ebene der Kunst seinen hinreichenden Ausdruck und auch die künstlerische Sprache wandelte sich von einer traditionellen zu einer zeitgenössischen. Neuartige visuelle Erlebnisse wurden von Tag zu Tag zunehmend in neue künstlerische Medien und Ausdrucksweisen transformiert.
Mit dem Eintritt in das 21. Jahrhundert wurden Phänomene wie die in dieser Form niemals zuvor existierende Komplexität und Diversität der Kunst, die von den enormen Veränderungen der internationalen Lage der Kunst direkt auf China abstrahlenden Impulse, wie der geschichtlich beispiellose Aufschwung des nationalen Selbstbewusstseins, das Gefälle zwischen dem allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwung und der individuellen Lebenssituation, Fortschritte beim Demokratisierungsprozess und die zunehmende Aufspaltung gesellschaftlicher Schichten in unterschiedlicher Form in der Kunst widergespiegelt. Auch die Kunst selbst wies keine relativ einheitliche Erscheinungsform mehr auf. Stattdessen entschieden individuell und unterschiedlich gewählte künstlerische Medien sowie der persönliche und differenzierte Status eines jeden Einzelnen in einem gewissen Ausmaß über die eingeschlagene künstlerische Richtung.
Gegenüber einer solchen komplexen und von rasant sich vollziehenden Veränderungen gekennzeichneten Situation zeigt die Foto- und Videokunst die deutlichste visuelle Reaktion. Xu Changchang berührt mit „Gu Ping Gang Nr. 1“ (2007), welches natürlichen Lehmboden und einsame Gebäude stark kontrastiert und tief schürfende Probleme der chinesischen Gesellschaft zeigt, wie den Kampf zwischen der Macht des Geldes und dem Volkswillen vor dem Hintergrund der Herausforderungen, denen die grundlegende Existenz des Einzelnen aufgrund des Modernisierungsprozess ausgesetzt ist. Eine wunderschöne Bildoberfläche weist so auf die bedrückende Sorge um Existenz und Ökologie hin.